Scheinträchtigkeit

Das Wichtigste vorweg: Die Scheinträchtigkeit ist per se keine Erkrankung, sondern eine von mehreren Phasen im natürlichen Sexualzyklus der Hündin. Um besser verstehen zu können, was dabei genau passiert, muss man sich zunächst ein wenig mit dem Zyklus der Hündin befassen.

Der Sexualzyklus der Hündin

Im Alter von etwa 9 Monaten (je nach Rasse etwas früher oder später) tritt bei der Hündin die Geschlechtsreife ein. Ihr Körper unterliegt fortan einem hormonell gesteuerten Sexualzyklus, der in regelmäßig wiederkehrenden, aufeinanderfolgenden Phasen abläuft. Diese sind im Folgenden kurz erklärt.

Anmerkung: Den Zyklus der Hündin kann man sich bildlich als einen Kreis vorstellen, dessen Außenlinie in verschiedene Phasen untergliedert ist. Die Abfolge dieser Abschnitte erfolgt im Uhrzeigersinn; sie bleibt immer gleich. Wo man mit dem „Lesen“ beginnt, ist im Prinzip unerheblich, sofern man alle Abschnitte einmal betrachtet. Wissenschaftlich korrekt definiert „startet“ ein neuer Zyklus mit dem Östrus; der erste Tag des Östrus wird demnach als „Tag 0“ bzw. „Tag 1“ bezeichnet. Der besseren Verständlichkeit halber starten wir hier aber mit dem Proöstrus, das heißt, „Tag 1“ des Zyklus entspricht dem ersten Tag des Proöstrus).

Tag 1-10: Proöstrus

Der Zyklus beginnt mit der sogenannten Vorbrunst (Pröostrus). Diese Phase dauert etwa 10 Tage. Während dieser Zeit werden die Geschlechtsorgane der Hündin besonders gut durchblutet. Auf den Eierstöcken wachsen durch den Einfluss der Hormone Östrogen und FSH (Follikel-stimulierendes Hormon) sogenannte Follikel zur Sprungreife heran. Follikel sind kleine Bläschen mit einer, manchmal auch mehreren Eizellen in ihrem Inneren. Der Körper stellt sich auf eine bevorstehende Befruchtung ein. Die Hündin ist etwas unruhiger als sonst; beim Spazierengehen setzt sie häufig kleinere Mengen Urin ab. Für Rüden ist sie nun äußerst interessant. Manche Hündinnen fressen während dieser Zeit auch weniger.

scheintraechtig-huendinSichere äußere Erkennungszeichen sind die Schwellung der Scham (Vulva) sowie die kräftig rote, tröpfchenweise Blutung. Der Proöstrus und der darauffolgende Östrus werden „Läufigkeit“ genannt. Soll die Hündin nicht gedeckt werden, so ist in dieser Zeit der Kontakt zu unkastrierten Rüden zu unterbinden.

 

Tag 11-20: Östrus

Die nächste Zyklusphase wird Hauptbrunst (Östrus) genannt. In diesen Zeitraum fällt die Deckbereitschaft der Hündin.

Sie verströmt nun einen für Rüden nahezu unwiderstehlichen Geruch, der für den Menschen jedoch nicht wahrnehmbar ist.

Der beste Deckzeitpunkt liegt in etwa zwischen dem 11. und dem 13. Tag, denn in diesem Zeitraum finden durch die erhöhte Konzentration des Hormons LH (luteinisierendes Hormon) mehrere Eisprünge (Ovulationen) statt.

Am Anfang des Östrus zeigt die Hündin noch eine schwache Blutung, die immer heller (rosafarben) wird. Am Ende des Östrus blutet die Hündin nicht mehr, ihre Attraktivität für Rüden beginnt nachzulassen und sie ist nicht mehr empfängnisbereit.

 

Tag 21-83 (teilweise auch länger): Metöstrus

Die Phase der sogenannten Nachbrunst wird auch als Metöstrus bezeichnet. Kam es im Östrus zu einer erfolgreichen Befruchtung, so ist die Hündin nun tragend.

Die Welpen werden nach einer Tragzeit von etwa 63 Tagen geboren, also um den 75. Zyklustag, wenn am 12. Tag ein erfolgreicher Deckakt stattgefunden hat.

Wurde die Hündin dagegen nicht gedeckt oder verlief der Deckakt erfolglos, tritt in dieser Phase die sogenannte Scheinträchtigkeit ein.

Dabei dominieren im Körper der Hündin die Hormone Progesteron (sog. Gelbkörperhormon) und Prolaktin, dieselben Hormone, die auch während einer Trächtigkeit produziert werden.

Die Phase der Scheinträchtigkeit tritt bei jeder unkastrierten, zyklischen Hündin auf. Die äußerlich erkennbaren Anzeichen sind jedoch individuell verschieden: Während manche Hündinnen nahezu keine äußerlich bemerkbaren Veränderungen aufweisen, zeigen andere sehr starke Anzeichen, unter denen sie mitunter auch leiden können.

 

Zu den äußerlich erkennbaren Zeichen der Scheinträchtigkeit gehören:

 

-Verhaltensänderungen, z. B. Unruhe oder Zurückgezogenheit

-Aggressivität Artgenossen gegenüber (meist besonders gegenüber Hündinnen)

-Verminderter Appetit

-Nestbauverhalten, Bemuttern von Spielzeug

-Gegen Ende des Metöstrus Anschwellen des Gesäuges mit Milchbildung.

 

Hündinnen können ihr Verhalten ändern, wenn sie scheinträchtig sind
Hündinnen können ihr Verhalten ändern, wenn sie scheinträchtig sind

Wie bereits eingangs erwähnt, ist die Scheinträchtigkeit ein normaler Vorgang im Körper einer intakten, das bedeutet unkastrierten Hündin. Auch die gesamte Bandbreite äußerlich erkennbarer Anzeichen ist zunächst als normal und ohne Krankheitswert anzusehen.

Es gibt jedoch Fälle, in denen die Hündin während dieser Phase stark gestresst ist und unter der Situation zu leiden beginnt. Dazu gehören beispielsweise Tiere, die sich extrem in die Situation „hineinsteigern“; die über einen längeren Zeitraum sehr depressiv werden, kaum mehr etwas fressen möchten, ein stark gesteigertes Aggressivitätspotential haben sowie Hündinnen, bei denen diese Phase extrem lange andauert und/oder die eine sehr starke Milchdrüsenanbildung mit lange Zeit entzündeter Gesäugeleiste aufweisen.

 

Behandlungsmöglichkeiten bei stark ausgeprägten Anzeichen der Scheinträchtigkeit:

Vielen Hündinnen kann bereits durch Ablenkung und Bewegung geholfen werden. Auch das Wegnehmen der Spielsachen, die als Welpenersatz dienen, kann sinnvoll sein. Dabei ist jedoch zu beachten, dass die Hündin danach nicht alleine gelassen, sondern intensiv abgelenkt und beschäftigt wird.

Um die Milchbildung nicht zusätzlich zu fördern, kann es hilfreich sein, die Kalorienzufuhr der Hündin kritisch im Blick zu behalten und auf zusätzliche Gaben von Calcium, beispielsweise in Form von Käsestückchen zur Belohnung, zu verzichten.

Bei geschwollenen Gesäugeleisten können feuchte Umschläge schmerzlindernd wirken. Dazu kann z. B. ein altes Handtuch angefeuchtet und immer wieder für kurze Zeit auf die Gesäugeleiste aufgelegt werden (Achtung: Umschläge nicht zu lange und zu kalt anwenden). Auch Bewegung ist hier förderlich.

Manche Hündinnen „melken“ sich selbst und/oder belecken und benagen ihre Zitzen so intensiv, dass die Haut wund wird. Auch hier hilft Ablenkung sowie das dünne Auftragen einer pflegenden Salbe (z. B. Bepanthensalbe).

In manchen Fällen kann der Gang zum Tierarzt notwendig werden, welcher die Milchproduktion (und letztlich die Scheinträchtigkeit) mittels eines Medikamentes abbrechen kann. Die Gabe dieses Medikamentes sollte jedoch nicht zur Dauerlösung für jeden Zyklus werden, da es unter anderem das Risiko für die Entstehung von Tumoren der Gesäugeleiste erhöht.

In solchen Fällen, in denen die Hündin durch ihre Scheinträchtigkeit einen starken Leidensdruck erfährt, macht es Sinn, die Hündin zu kastrieren – insbesondere dann, wenn bereits feststeht, dass sie niemals zur Zucht genutzt werden soll (weitere Informationen über die Kastration: Siehe „Kastration der Hündin – Pro und Contra“).

 

Tag 84-203 (teilweise auch länger): Anöstrus

In der nun folgenden Phase tritt eine etwa viermonatige „Zykluspause“ ein. Während des Anöstrus werden die Geschlechtshormone im Körper der Hündin „heruntergefahren“. Sie ist für Rüden nicht interessanter als andere Hunde, ihr Verhalten normalisiert sich und auch mit anderen Hündinnen versteht sie sich in der Regel wieder gut.

Die angeschwollene Gesäugeleiste bildet sich wieder zurück; die Milchbildung hört auf.

Gegen Ende des Anöstrus macht sich der kommende nächste Pröostrus oft schon wieder bemerkbar: Dieser „Prä-Proöstrus“ ist per Definition keine eigene Zyklusphase, dennoch kündigt sich der folgende Pröostrus häufig bereits durch ein leichtes Anschwellen und eine Rötung der Vulva sowie frequenteren Harnabsatz und ein beginnendes Interesse der Rüden an.

 

Prognose

Eine gesunde, unkastrierte Hündin im fortpflanzungsfähigen Alter durchlebt etwa zweimal im Jahr die Phase der Scheinträchtigkeit – sofern sie nicht tatsächlich tragend ist. Treten dabei keine allzu starken Probleme auf, die, wie oben erläutert, zu einem starken Leidensdruck für das Tier führen, handelt es sich dabei um einen normalen Vorgang.

Durch die starken hormonellen Veränderungen, die der Körper der Hündin während ihres Zyklus durchläuft, unterliegen intakte Hündinnen einem höheren Risiko, Tumoren der Gesäugeleiste (sog. Mammatumoren) zu entwickeln. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass nicht alle Rassen ein gleich hohes Risko für die Entstehung der Erkrankung haben.

Auch für die Entwicklung einer Gebärmutterentzündung (Endometritis; eitrige-: Pyometra) sind intakte Hündinnen anfälliger, da sich ihr Gebärmutterhals durch die hormonellen Einflüsse während der Läufigkeit öffnet, um die Spermien des Rüden durchlassen zu können.

Dabei haben auch Keime die Möglichkeit, in die Gebärmutter zu gelangen, wo sie zu einer Entzündung führen können.

Diese Entzündung kann für die Hündin sehr gefährlich werden, insbesondere dann, wenn sie eitrig wird und der Eiter durch den wieder vollständig verschlossenen Gebärmutterhals nicht mehr abfließen kann (sogenannte geschlossene Form der Pyometra).

Wird die Erkrankung erst spät entdeckt, hilft in der Regel nur noch die sofortige operative Entfernung der Gebärmutter in einer Notoperation, die für das Tier insofern riskant ist, als die betroffenen Hündinnen meist hohes Fieber und ein reduziertes Allgemeinbefinden haben. Schlimmstenfalls kann die Hündin an dieser Erkrankung sterben.

Insbesondere nicht zur Zucht genutzte Hündinnen entwickeln im Laufe ihres Lebens häufig degenerative Veränderungen der Gebärmutter. Dabei kommt es zur Ausbildung kleiner Bläschen und Knötchen in der (meist verdickten) Gebärmutterschleimhaut. Diese Veränderungen sind an sich meist harmlos, sie können jedoch zu Zyklusstörungen und einem erhöhten Risiko für eine Gebärmutterentzündung führen. Weiterhin können sie dafür verantwortlich sein, dass sich in der veränderten Gebärmutterschleimhaut keine Welpen mehr einnisten können.

hier ein Video dazu:

Prophylaxe

Eine kastrierte Hündin wird nicht mehr zyklisch und somit auch nicht mehr scheinträchtig.

Insbesondere für Hündinnen, welche niemals zur Zucht genutzt werden sollen und deren Beaufsichtigung während der Läufigkeit nicht sichergestellt werden kann oder die starke Probleme während der Scheinträchtigkeit haben, kann die Kastration eine sinnvolle Lösung sein (weitere Informationen über die Kastration: Siehe „Kastration der Hündin – Pro und Contra“).

Intakte Hündinnen, die regelmäßig einen Zyklus durchlaufen, sollten regelmäßig, vor allem aber zu Beginn des Anöstrus, auf das Vorliegen von Knötchen in der Gesäugeleiste untersucht werden.

Dazu wird die Gesäugeleiste Komplex für Komplex vorsichtig mit den Fingern durchgetastet. Bis auf die Phase der Milchdrüsenanbildung im Metöstrus sollte sich die Gesäugeleiste weich und körperwarm, aber nicht heiß und ohne Knötchen oder Verhärtungen anfühlen.

Im Zweifelsfall sollte die Hündin lieber einmal zu viel als einmal zu wenig dem Tierarzt zur Kontrolle vorgestellt werden.

Eine weitere sinnvolle Komponente der Gesundheitsvorsorge ist eine Ultraschalluntersuchung der Gebärmutter zu Beginn des Anöstrus; bei Verdacht auf das Vorliegen einer Gebärmutterentzündung auch bereits früher. Die Untersuchung ist schmerzfrei und ohne Narkose durchführbar; bei Hündinnen mit stark behaartem Bauch müssen lediglich im Untersuchungsbereich die Haare geschoren werden. Die Ultraschalluntersuchung liefert wertvolle Hinweise auf das Vorliegen einer Gebärmutterentzündung, auch wenn (noch) keine Symptome hierfür vorliegen, und trägt somit zur Früherkennung und rechtzeitigen Behandlung einer solchen bei.

Weiterhin kann es während der Läufigkeit sinnvoll sein, das Belecken der Hündin im Genitalbereich durch Artgenossen möglichst zu unterbinden, um die Keimbelastung der Hündin und damit das Risiko für die Entstehung einer Gebärmutterentzündung nicht zusätzlich zu erhöhen.

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2 Kommentare

  1. Ilona thuermer

    meine Goldenretriever Hündin 8 Jahre alt , ist Scheinträchtig blutet sehr,obwohl Sie vor ca.8 Wochen läufig war.
    -ist sehr unruhig und wintzelt am laufenden Band,
    können Sie mir einen Rat geben,oder soll ichdoch zum Tierarzt gehen
    und jetzt noch die Hitze
    Vielen Dank I.Thürmer

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