Überforderung durch fehlende Führung

Ein Hund lebt –seiner Natur entsprechend – in einem obligat sozialen Struktur. Ein sehr abstrakter Begriff, der nichts anderes bedeutet, als dass Hunde in einer hierarchisch stabilen Gruppe leben. Und das ist für sie lebensnotwendig!

Aus Hundesicht heißt das, dass ein Mitglied der Gruppe – bei Haushunden sollte das der Mensch sein – bestimmte, wertvolle Ressourcen kontrolliert und die anderen Gruppen-/Rudelmitglieder dies akzeptieren. Für uns Menschen heißt das im Klartext: ICH muss in der Mensch-Hund-Beziehung in der Lage sein, meinem Hund jederzeit zu suggerieren, dass alles in Ordnung, die Lage stabil ist.

Man muss bedenken, dass wir, indem wir unserem Hund zeigen, dass wir die Kontrolle über alle wichtigen „Ressourcen“ haben, ihm die soziale Stabilität und psychische Sicherheit geben, die ein Hund von seinem Wesen her nun einmal zwingend benötigt.
Auch hier möchte ich zur Verdeutlichung die Parallele zur Menschenwelt aufführen. Es gibt unter uns Menschen nur einen recht geringen Prozentsatz, der gerne, bereitwillig, aus Überzeugung, aus seinem individuellen Potential heraus in der Lage ist, beispielsweise eine Firma oder einen großen Konzern zu führen.
Die meisten von uns fühlen sich in ihrer Rolle als Mitarbeiter sehr wohl. Es hilft ihnen, wenn sie von einem Vorgesetzten klare Anweisungen erhalten, was beispielsweise in welcher Reihenfolge abzuarbeiten ist.

Ein Mensch, der bisher sehr zufrieden als Mitarbeiter einer Firma gearbeitet hat, selbstverständlich unter einer Leitung, die entsprechend sich darstellt, dass ein Mitarbeiter auch zufrieden arbeiten kann, wird große Probleme haben, wenn er plötzlich aufgefordert wird, selbst die Firma mit 2000 Mitarbeitern zu leiten. Es kommt mit Sicherheit zu einer Überforderung, die sich nicht selten in einem Burnout oder einer schweren Erkrankung zeigt.
Genauso geht es unseren Hunden. Nur wenige sind als „Rudelführer“ geboren. Nur sehr wenige Hunde haben die Qualitäten, die Fähigkeit, ein Rudel anzuführen. Erkenne ich als Mensch nicht, welchen Hundecharakter ich zu Hause habe, kann es auch hier zu einer echten Überforderung des Hundes kommen.

Oftmals ist ein solches Überstülpen einer völlig falschen Rudelrolle gar nicht einmal beabsichtigt, geschieht aus Unwissenheit. Hunde übernehmen die Führungsrolle dann aus sich heraus, weil sie nur zwei Seiten kennen: Entweder sie werden geführt, oder sie führen. Es gibt dazwischen nichts anderes!
Der Begriff Führung hat scheinbar gerade heutzutage einen faden Beigeschmack, suggeriert er vielen Menschen, dass es bei der Führung um dominantes (vermeintlich unterdrückendes) Verhalten gehe. Dem ist jedoch nicht so. Führung hat – für den Hund – weder etwas mit Unterdrückung, noch mit Aggression zu tun. Führung gibt unseren Hunden Stabilität.
Zieht ein Hund ein, egal ob Welpe oder erwachsener Hund, so geschehen oft unbewusst gravierende Fehler, die dem Hund – aus seiner Sicht – zeigen, dass der Mensch hier offensichtlich NICHT die Führung übernimmt.

Aus Liebe zum Hund versuchen wir Menschen, ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen, schenken ihm über die Maßen Aufmerksamkeit, gehen sofort auf Spiel- oder auf eine Kuschelaufforderung ein, stellen ihm lebenswichtige Ressourcen (Futter) zur freien Verfügung, stellen ihm unbewusst all unser Hab und Gut zur Verwaltung, schenken ihm die größtmögliche Freiheit, lassen unseren Hund selbst Entscheidungen treffen, die zu treffen er teils gar nicht in der Lage ist.
All das geschieht meist aus einer Motivation heraus, dem Hund ein möglichst schönes Leben zu schenken. Mit Sicherheit sind sich die meisten Hundebesitzer noch nicht einmal bewusst, dass dabei grundlegend etwas schief läuft.

Wir Menschen machen hier nur einen entscheidenden Fehler: Wir vermenschlichen unsere Hunde! Das, was wir selbst als größtmögliche Freiheit, als ein tolles Leben sehen, wird von unseren Hunden VÖLLIG anders interpretiert. Hunde denken eben nicht so, wie wir Menschen. Und das ist der entscheidende Punkt. DAS zu erkennen, ist der erste Schritt in die richtige Richtung.

Hunde, die nicht geführt werden, sind in den allermeisten Fällen völlig überfordert mit der ihnen aufgezwungenen Rolle. Nicht selten zeigen sich solche Überforderungen in Angst und Aggression, Stress und all den dadurch bedingten Begleiterscheinungen.
Wir schenken damit unseren Hunden alles andere als ein glückliches Hundeleben. Wir verdonnern sie vielmehr zu einem Leben, das von ständiger Überforderung geprägt ist.

Wollen wir das wirklich?

 

Dies ist die Kolumne von Alexandra Sigmund-Wild, ausgebildete und geprüfte Hundetrainerin (Webseite: www.vontierzudir.de) bei Hund.info – Weitere Beiträge findest Du zukünftig hier: https://hund.info/kolumnen/sigmund-wild

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