Der Weg zur inneren Ruhe – oder: Wie bleibe ich entspannt, wenn mein Hund austickt?

Innere Ruhe hat man nicht einfach mal so – soweit die „schlechte Nachricht“. Die gute Nachricht: Man kann sie „lernen“ – und dabei helfen unsere Hunde.
Getrieben im Alltag mit einer schier endlosen Liste an Dingen, die zu erledigen sind, die keinen Aufschub dulden, tun wir uns hier schon sehr schwer, Ruhe zu finden. Sollten wir sie uns dann wirklich einmal nehmen, dann taucht wie aus dem Nichts das schlechte Gewissen auf, weil ja diese Endlosliste wartet…. – mit der Ruhe ist es dann auch erst einmal wieder vorbei.

Ein Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt. Nur wie?

Ich kann nur aus eigener Erfahrung sprechen, wenn ich hier „Tipps“ gebe. Auch mir selbst fällt es nicht nimmer leicht, die Ruhe zu finden. Jedoch habe ich gelernt, mir diese Ruhe zu nehmen. Auch, wenn man meint, im Alltag zu ertrinken, die Aufgaben nicht mehr bewältigen zu können. Sehr oft klappen Dinge nach einer Pause viel besser, weil der Kopf wieder einmal frei geworden ist.
Den Kopf freibringen? Hm, gar nicht so einfach, wenn sich ein Gedankenkarusell darin dreht. Hilfreich ist vielleicht die Vorstellung, die Gedanken, die da durch den Kopf huschen, sich als Wolken vorzustellen. Diese Wolken lasse ich vorbeiziehen. Halte sie nicht fest, sondern bin stiller Beobachter dieses Wolkenzugs. Das funktioniert nicht von jetzt auf gleich. Wir haben keinen Schalter, den wir umlegen können. Die Übung machts und der Wille dahinter.
Von Unruhe im Außen / um mich herum kann ich mich inzwischen (meist) gut abgrenzen. Sich davon nicht anstecken lassen, ist nicht immer leicht, jedoch möglich. Vielleicht sollte sich gerade dann, wenn um einen herum die Hektik herrscht, einmal die Frage stellen, WESSEN Unruhe das eigentlich ist. Ist es tatsächlich MEINE? Gehört sie zu mir? Wem hilft es, wenn ich ebenfalls hektisch und unruhig werde? Ist dies irgendeinem Ziel dienlich? Fast immer lautet die Antwort darauf: NEIN!

Die Ruhe in Bezug auf unsere Hunde zu finden bzw. zu behalten ist manches Mal noch viel schwerer. Hier ist der erste Schritt, erst einmal SELBST ZU BEMERKEN, dass man in einem bestimmten Moment alles andere als ruhig ist. Meist ist uns das nämlich gar nicht bewusst… Wenn ich das erst einmal erkannt habe, ist der erste Schritt schon getan. Auch hier sollte ich mir selbst zuerst einmal ein paar Fragen stellen: Gehört die Unruhe zu mir? Hilft es mir, dass ich jetzt unruhig werde? Ist es meinem Ziel, das ich gerade verfolge dienlich, dass ich unruhig werde? Warum steckt mich die Unruhe meines Hundes an? Wenn man sich die Fragen beantwortet hat, wird man sehr schnell verstehen, dass die Unruhe weder zu einem selbst gehört, noch es irgendwie dienlich ist, wenn ich mich davon anstecken lasse.

In solchen Momenten, in denen man Gefahr läuft, sich vom „ausflippenden“ Hund anstecken zu lassen, ist es hilfreich, erst einmal aus der Situation zu gehen, um für sich wieder die Ruhe und Gelassenheit zu finden. BEVOR man sich anstecken lässt, könnte man sich auch in einem stillen Moment überlegen, warum mein Hund mit einem bestimmten Verhalten mich ansteckt…. Was bewegt er mit seinem Verhalten in mir? Warum reagiere ich darauf so sehr? Warum ist es mir nicht egal? Warum kann es mir nicht egal sein? Ist es meine Erwartungshaltung? Ist es mein Kopfkino? Habe ich den Fokus im Außen – bin ich also darauf bedacht, nicht aufzufallen? Ist es mir vielleicht peinlich, wie sich mein Hund verhält? Habe ich Angst, andere könnten schlecht über mich denken? Habe ich Angst, ich könnte mich blamieren, wenn sich mein Hund „daneben“ benimmt?
All das sind Fragen, die weniger den Hund betreffen, sondern DICH! Dein Hund spiegelt dir nur etwas. Das, was er in dir auslöst, sind DEINE THEMEN. Die hast du vielleicht auch im Alltag?

Kann es sein, dass du bestrebt bist, nach außen hin immer alles perfekt zu machen? Kann es sein, dass du gerne in der Masse verschwindest, statt aufzufallen? Warum ist das so? Höre in dich hinein und beantworte dir diese Fragen ganz ehrlich. Wie gesagt: Es sind DEINE Themen, nicht die deines Hundes. Unsere Hunde sind nur die „Knöpfchendrücker“ und lösen bei uns aus, was in uns nicht im Gleichgewicht ist.
Und genau DAS meinte ich eingangs damit: Hunde können uns dabei helfen, die innere Ruhe zu finden. Sie veranlassen uns – wenn wir das zulassen – zu einer Innenschau. „Zwingen“ uns mehr oder weniger sanft, in uns nachzusehen, was nicht in der Balance ist.

Eine Möglichkeit, im Alltag mehr die Ruhe zu finden: Geh mit deinem Hund in die Natur. Um jetzt das Gedankenkarusell loszuwerden / zum Anhalten zu bringen, sei im Hier und Jetzt! Klingt vielleicht für dich recht „abgehoben“, ist aber nicht schwer, wenn man sich darauf einlassen kann/mag. Hunde sind genau das: im Hier und Jetzt. Wenn sie einen Grashalm beschnüffeln, dann beschnüffeln sie einen Grashalm. Wenn sie in die Ferne sehen, dann sehen sie in die Ferne. Wenn sie ein Mäuseloch ausbuddeln, dann buddeln sie ein Mäuseloch aus. Sie sind in jedem Augenblick genau mit dem beschäftigt, womit sie eben beschäftigt sind. Versuch doch einmal, das nachzuahmen. Versuche bei einem Spaziergang die Welt mit dem Blick deines Hundes wahrzunehmen, mit seiner Nase aufzunehmen. Höre auf deine Sinne: Was siehst du? Was fühlst du? Was hörst du? Was riechst du? Und dabei ist eines unerlässlich: LASS DIR ZEIT! Gehe so langsam du kannst, schleiche! Mit schnellen Schritten durch die Gegend eilen wird dir hier nicht hilfreich sein. Dein Hund würde es übrigens – könnte er, wie er wollte – auch nicht tun.
Du wirst sehen, dass dich das in den Zustand bringt, in dem dein Hund IMMER ist: im Hier und Jetzt.

 

Dies ist die Kolumne von Alexandra Sigmund-Wild, ausgebildete und geprüfte Hundetrainerin (Webseite: www.vontierzudir.de) bei Hund.info – Weitere Beiträge findest Du zukünftig hier: https://hund.info/kolumnen/sigmund-wild

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