Ich habe einen Angsthund – wie gehe ich vor?

Angst-bei-HundenAuch bei Hunden gibt es mehr oder weniger ängstliche Individuen. Genetik, Prägungsphase, Erfahrungen, Lebensumstände, Gesundheitszustand, Alter und Geschlecht sind dabei nur einige Faktoren, die auf das Einzeltier einen entscheidenden Einfluss haben können. Während manche Hunde auch mit eindeutig angsteinflößenden Momenten im Alltag sehr gut zurechtkommen, reagieren andere bereits bei nicht offensichtlich bedrohlichen Situationen mit starker Angst.

 

Wie viel Angst ist eigentlich „normal“?

Angst ist zunächst einmal ein natürliches biologisches Phänomen mit dem Ziel der Vermeidung von (körperlichen) Schäden. Sie ist wichtig und hilft dem Hund dabei, Gefahren zu umgehen bzw. Bedrohungen vorauszusehen. Dem richtigen Einschätzen einzelner Situationen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Dies setzt jedoch voraus, dass das Tier zuvor die Möglichkeit hatte, ausreichend zu lernen.

Ein gesunder, gut sozialisierter Hund, der bereits in jungen Jahren vielfältige Umwelteindrücke kennenlernen konnte und dabei angemessen begleitet wurde, wird auf neue oder potentiell bedrohliche Situationen in der Regel mäßig ängstlich reagieren. Ein kurzer Sprung zur Seite, ein irritiertes Stehenbleiben oder eine im Spiel mit Altersgenossen erlernte Unterordnungsgeste genügen meist, um die kritische Situation zu meistern und zum üblichen, entspannten Verhalten überzugehen.

Unter bestimmten Umständen ist auch ein Knurren als normale Reaktion zu werten.

 

Wie wird ein Hund zum „Angsthund“?

Hunde, die ein übermäßig stark ausgeprägtes Angstverhalten zeigen, haben häufig in einem Bereich ihres Lebens einen Mangel erlitten. Dazu gehören z. B.

 

  • Zu frühes Absetzen von der Mutter
  • Erlernen „falscher“ Verhaltensmuster von der Mutter
  • Schlechtes Nutzen der Prägephase
  • Keine oder zu wenige Sozialkontakte
  • Schlechte Auswahl der Sozialkontakte
  • Mangelhafte Sozialisierung (Menschen, andere Tiere, Umwelteindrücke)
  • Mangelnde bzw. falsche Erziehung
  • Überforderung, Dauerstress
  • Schlechte Haltungsbedingungen
  • Nicht tiergerechter Umgang
  • Schlechte Erfahrungen/Traumata (z. B. starke Einschüchterung, Zufügung von Schmerzen)
  • -Gesundheitliche Beeinträchtigungen (z. B. Verschlechterung der Hör- oder Sehfähigkeit, hormonelle Störungen, Schmerzen).

 

Auch die Rasse, die Wahl der Anpaarung und das individuelle Wesen des Einzeltieres können einen Einfluss darauf haben, inwieweit der Hund dazu tendiert, ein „Angsthund“ zu werden. Entscheidend ist jedoch in der Regel das Erlebte bzw. das Erlernte.

 

Angst hat viele Gesichter – Körpersprache und Situationen richtig beurteilen

AngsthundEinem zitternden Hund, der sich mit eingeklemmter Rute in geduckter Haltung auf dem Boden krümmt, kann seine Angst auf den ersten Blick angesehen werden. Doch der Gemütszustand hat deutlich mehr Facetten.

Ein Hund „spricht“ zu uns durch seine Körpersprache, die wir so gut wie nur möglich lesen und interpretieren lernen müssen. Nur so ist es möglich, Situationen richtig einzuschätzen und zum Wohle des Tieres als auch anderer Beteiligter zu entschärfen.

Äußerlich erkennbare Anzeichen von Angst bei Hunden sind u. a.:

  • Sich entfernen
  • Erstarrte Körperhaltung
  • Ängstlicher Gesichtsausdruck: Geduckter Kopf, angelegte Ohren, Vermeiden von Blickkontakt, vergrößerte Pupillen, nach hinten gezogene Lefzen
  • Geduckte Körperhaltung, oft mit runder Rückenlinie
  • Eingeknickte Beine
  • Einklemmen der Rute
  • Körperliche Symptome wie Zittern, Hecheln, Herzrasen, Schwitzen (an den Pfotenballen), häufiger Harn- und Kotabsatz oder auch sogenannte Übersprungshandlungen (z. B. Kratzen, Gähnen)
  • Winseln, Schreien
  • Knurren: Hier unterscheidet man zwischen dem sogenannten offensiven Knurren, bei dem der Hund ohne Angst z. B. für ihn wichtige Ressourcen verteidigt, und dem defensiven Knurren. Letzteres ist im natürlichen Verhaltensrepertoire des Hundes deshalb wichtig, weil es ihm ermöglicht, Situationen ohne körperliche Auseinandersetzungen zu klären. Es wird häufig eingesetzt, um das Einhalten der Individualdistanz zu sichern – der Hund möchte dann in etwa sagen: „Bleib auf Abstand, ich fühle mich sonst unwohl“. Ist der Hund „nur“ unsicher, so zeigt er seine Zähne dabei in der Regel nicht. Angstaggressive Tiere dagegen zeigen ihre Zähne bei nach hinten gezogenen Maulwinkeln – im Gegensatz zu offensiv-aggressiven Hunden, deren Maulwinkel kurz und rund werden.

Beißvorfälle entstehen nicht selten aus Situationen, in denen das defensive Knurren als Warnung ignoriert wurde. Der Hund beißt dann aus Angst zu, da ihm aus seiner Sicht nur dieses letzte Mittel geblieben ist.

 

!Achtung: Soziale Kommunikationsmittel wie Beschwichtigungsverhalten (z. B. Gähnen, Lecken der Nase, Wegsehen) und Unterwerfungsgesten (z. B. auf den Rücken oder auf die Seite legen) haben im Normalfall nichts mit wirklicher Angst zu tun. Sie sind Teil des natürlichen Sozialverhaltens und dienen der Vermeidung von Konflikten. Der Hund zeigt dabei kein Meideverhalten, sondern stellt sich der Situation, indem er entsprechend reagiert. Er trägt seine Rute zwar gesenkt, jedoch nicht eingeklemmt. Es kommt zu keiner Pupillenerweiterung.

 

 

Vom richtigen Umgang mit „Angsthunden“

Hunde zeigen Ihre Angst - auf die Zeichen achten!
Hunde zeigen Ihre Angst – auf die Zeichen achten!

Zeigt ein Hund über das normale Maß hinaus ängstliches Verhalten, so muss zunächst geklärt werden

-seit wann die Angst besteht

-in welchen Momenten sie genau auftritt und

-welche Faktoren der Hund eventuell zusätzlich mit der Situation verknüpft haben könnte.

Ein Tierarztbesuch kann dabei helfen, gesundheitliche Probleme aufzudecken, die für das ängstliche Verhalten verantwortlich sein können.

 

Die Vorgeschichte des betroffenen Tieres zu kennen ist oft sehr aufschlussreich, kann jedoch manchmal nicht mehr ermittelt werden (z. B. bei Tierheimhunden).

Eine sehr genaue Beobachtung und Analyse des Verhaltens ist daher die Grundlage, um dem Hund gezielt helfen zu können und den alltäglichen Umgang mit ihm entspannter zu gestalten.

 

Hunde sind soziale Tiere; sie orientieren sich stark an anderen Individuen. Ein „Angsthund“ kann enorm von einem ruhigen, souveränen Artgenossen profitieren, der scheinbar bedrohliche Situationen gelassen meistert.

 

Gleiches gilt übrigens auch für den betreuenden Menschen: Es ist sehr wichtig, sich über das eigene Verhalten in bestimmten Situationen bewusst zu werden. Häufig wird ein ängstlicher Hund durch seinen Besitzer unbewusst in seiner Angst bestärkt, indem dieser ihn tröstet, schimpft oder ebenfalls sehr aufgeregt reagiert. Ein ruhiger, souveräner und vertrauensvoller Umgang kann dem Hund dabei helfen, sich weniger in die aus seiner Sicht bedrohlichen Situationen hineinzusteigern.

In diesem Zusammenhang lohnt es sich auch, die Körpersprache des Menschen zu analysieren:

  • Ein Über-den-Hund-Beugen, insbesondere aus stehender Position heraus, wirkt auf die meisten Tiere bedrohlich, ebenso wie
  • der direkte Blick in die Augen,
  • schnelle (Hand-)Bewegungen oder
  • das Abschneiden von Fluchtwegen. 
negative Erfahrungen sind oft die Auslöser
negative Erfahrungen sind oft die Auslöser

Viele ängstliche Hunde möchten auch nicht gerne am Kopf oder am Rücken berührt werden.

Häufig verhält sich der Besitzer unbewusst bedrohlich für seinen Hund, was nicht nur bei „Angsthunden“ zu vermeidbaren Missverständnissen und gefährlichen Situationen führen kann.

 

Eine ruhige, konsequente Erziehung hilft unsicheren Hunden, denn durch die Akzeptanz des Menschen als Ranghöheren, der für sie Entscheidungen trifft, wird ihnen zusätzlicher Stress abgenommen.

Signale wie z. B. das Vorausgehen beim Verlassen der Wohnung oder das gemeinsame Passieren vermeintlich gefährlicher Gegenstände – in einem gewissen Abstand – vermitteln dem Hund Sicherheit.

Ängstliche Hunde sollten in der Öffentlichkeit nicht alleine gelassen werden, etwa beim Warten vor einem Geschäft. So können für den Hund unangenehme Situationen, die sich der Beobachtung des Besitzers entziehen, vermieden werden.

Je nach vorliegendem Fall bzw. Problem kann es unter Umständen auch helfen, gewissen Situationen die Bedrohlichkeit zu nehmen, indem man sie weitestgehend ignoriert und ungerührt seinen Alltagstätigkeiten nachgeht, ohne jedoch den Hund in seiner Angst alleine zu lassen.

Bei der eigentlichen Verhaltenstherapie geht es unter anderem darum, unerwünschtes Verhalten durch erwünschtes zu ersetzen. Dies muss immer langsam, strukturiert und angepasst an die individuelle Situation des Hundes geschehen. Über positive Verstärkung mittels Belohnung im richtigen Moment lernt der Hund, die alternative, erwünschte Verhaltensweise zu verinnerlichen. Die Methode benötigt viel Zeit; häufige Wiederholungen sind sehr wichtig.

Hund-hat-AngstEin speziell auf den Angstauslöser zugeschnittenes Übungsprogramm kann zum Beispiel aus einer vorsichtigen, schrittweisen Desensibilisierung bestehen.

Dabei wird der angstauslösende Reiz allmählich näher an den Hund herangeführt. Bei der sukzessiven Approximation, die ähnlich funktioniert, wird dagegen der Hund Zug um Zug näher an die vermeintliche Gefahrenquelle herangeführt.

Der Hund kann auf diese Weise mit Hilfe von (Futter-)Belohnungen zunehmend an verschiedene Reize gewöhnt werden und den souveränen Umgang mit ihnen lernen, ähnlich wie es bei einem Welpen in der Sozialisierungsphase geschieht. Zwang ist dabei kontraproduktiv und darf nicht angewandt werden.

Abhängig von der Vorgeschichte und den individuellen Gegebenheiten des einzelnen Hundes führen diese Maßnahmen – korrekt durchgeführt – häufig zum Erfolg.

Insbesondere bei angstaggressiven Hunden ist es jedoch immer sinnvoll, einen Profi zu Rate zu ziehen. Auf Verhaltenstherapie spezialisierte Tierärzte, Hundeschulen und professionelle Hundetrainer können in vielen Fällen erheblich weiterhelfen. Sie erarbeiten ein speziell auf den einzelnen Hund zugeschnittenes Trainingsprogramm und begleiten Mensch und Hund für längere Zeit.

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8 Kommentare

  1. johanna krüger

    hallo, liebe hundefreunde,

    ich habe letztes jahr einen hund aus dem tierheim geholt. er war 1 jahr alt und ich dachte schon, dass es niemals gut wird mit seiner angst und seinen aggressionen fremden hunden gegenüber. in der hundeschule war es relativ gut mit ihm, aber bei den spaziergängen immer probleme an anderen hunden vorbeizukommen.
    was ihm dann wirklich gut geholfen hat, sind die blütenmischungen von der fa. animal-drops bei aggressionen. er nimmt die jetzt seit 3 monaten und ich muss sagen, dass es sehr viel leichter geworden ist. bei weibchen, er ist ein rüde, findet er es inzwischen richtig toll, wenn wir begegnungen haben. auch in der hundeschule ist er rüden gegenüber nicht mehr so schwierig.
    vielleicht probiert ihr das ja auch mal zusätzlich zum training! 🙂
    ich wünsch euch, dass es klappt!
    l.g. johanna

    • Wo bekomme ich diese Drops denn her?Unser Hund ist auch aus dem Tierheim,
      hat zuvor schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht.Er wurde geschlagen,hat
      zu gebissen und landete unschuldig im Tierheim.Er ist ein regelrechter Angsthund
      und ist auch anderen Hunden gegenüber sehr aggressiv, uberwiegend Rüden.
      Ich bin dankbar für jeden Tip,denn Gassi gehen ist eine Tortur mit ihm.Er wird im
      Januar 5 Jahre alt.

      Liebe Grüße Andrea

  2. Hallo liebe tierfreunde, ich habe seit gestern einen kleinen Welpen auf dem Ausland bekommen,und natürlich nicht anders erwartet, ein totaler Angst Hund,kann mir jemand vielleicht einige Tips geben,wie ich unseren kleinen Maus den Einstieg etwas leichter machen kann? Helfen wirklich die Blüten tropfen, das unsere kleine ein wenig ihre Angst verliert? Wäre über Tips und Ratschläge wirklich dankbar. Lg

    • Hundefan

      Hallo Sabrina,

      ich persönlich würde zunächst alles andere probieren, bevor ich zu den Tropfen greife. Gib dem Kleinen eine Rückzugsort, an dem er sich sicher fühlen darf, zum Beispiel seine Hundebox. Dort darf er sich zurückziehen, ohne dass jemand ihn da rausholen darf! Das wäre jetzt nur der erste Schritt – es gibt sehr viele weitere Ansätze. Vorschlag: Lass Dich von unserer tollen und kompetenten Community im Forum beraten.Dort wird dir bestimmt geholfen! Einfach anmelden: http://forum.hund.info

  3. Hallo.Ich habe eine Frage.
    Unser Rüde 2 Jahre lässt sich von fremden nicht an fassen.
    Ständiges anbellen kommt noch hin zu.
    Auch wenn er die Leute kennt dauert es sehr lange bis er vertrauen aufbaut.
    Im dunklen ist es extrem schlimm.
    Mit anderen Hunden versteht er sich Es gibt aber auch Ausnahmen.
    Wir haben den Hund übers Internet und waren froh ihn dort raus geholt zu haben.
    Keine artgerechte Haltung.Er stank fürchterlich War nicht so aufgeweckt wie seine zwei Geschwister.
    Welpenfutter kannte er nicht.
    Es War schlecht zu sagen ob er wirklich 8 Wochen War als er zum verkauf stand.
    Er bekam bei uns ein liebevolles Zuhause und wir möchten ihn nicht mehr missen.
    Wie kann man sein Verhalten ändern?????

  4. Hallo ihr lieben,
    wir haben uns vor circa 2 Monaten unseren Herkules aus einem Tierheim abgeholt. Er ist der liebste Hund der Welt, obwohl er viel Leid ertragen musste.Nun haben wir noch ein Problem zu lösen, und zwar piescht er morgens vor Angst.. Wir haben anfangs zu seinem leid falsch gehandelt und Herkules susgeschimpft.. Nun lassen wir Ihn ohne zu rufen oder aufzufordern aufstehen.. Allerdings kommt er denn selbstständig zu uns und sobald wir ihn streicheln wollen, lässt er laufen.. Ich weiß schon das hunde in Stresssituationen keine Kontrolle über ihre Blase haben und nun wollte Ich fragen wie man meinem Schatz beibringt das er keine Angst haben muss??? Das letzte was ich will ist das er Angst vor mir hat….Ich danke schonmal im voraus

  5. Janett

    Hallo ihr lieben,
    könnt ihr mir helfen,mir haben vorige woche einen Hund(Rde )aus dem Tierheim geholt.Er ist 11 monate alt und hört aufs Wort.
    Er hat beim Gassi gehen goße Angst vor Ampeln und Autos,bei Ampeln reist er sich das geschirre vom korper.
    Kann mir einer einen Rat geben wir wissen nicht mehr weiter !

    • Hundefan

      Er ist erst eine Woche bei Euch. Er muss zunächst eine vertraute Bindung zu Euch aufbauen, damit er sich in Euren bei sein sicher fühlt. Das braucht Zeit! Um so weniger Stresssituationen Ihr ihn zunächst aussetzt, um so besser! Ist die Basis geschaffen, kann man langsam anfangen zu trainieren. Für detaillierte Tipps kann ich Dir unser Forum mit vielen netten und hundeerfahrenen Usern ans Herz legen: http://forum.hund.info

      Liebe Grüße Thomas

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